Stellungnahme zur Regierungserklärung von Minister Stratmann zum HOK vom 29.10.2003

Was hat Bildungsabbau mit der „Optimierung“ von Hochschulen zu tun? Das versuchte Minister Lutz Stratmann in der obengenannten Regierungserklärung aufzuzeigen. Es folgt nun eine kritische Einschätzung dazu.

Stratmann sprach davon politische Handlungsspielräume durch die massiven Kürzungen zurückzugewinnen, gerade diese werden durch die übereilten Einsparungen zunichte gemacht. Die viel geforderte und gelobte Hochschulautonomie wird mit den Füßen getreten. Viele Modernisierungsprozesse innerhalb der Hochschulen werden dadurch ausgebremst, unter anderen die beispielhafte Fach-zu-Fach-Integration (siehe Seite 2) des Fachbereiches Erziehungswissenschaften der Universität Hannover. Diese würde obsolet bei einer Verlagerung des Lehramtsstudiengangs Grund-, Haupt- und Realschule. So käme es zur irreversiblen Schädigung der bestehenden sinnvollen Strukturen.

Wie kann es eine von Stratmann propagierte Neuausrichtung unter der Zusammenkürzung des Etats geben? Es wird nichts gestärkt, sondern nur geschwächt. Oder besteht eine Stärkung heutzutage darin, dass keine Kürzungen in den entsprechenden Bereich vorgenommen werden? Im internationalen Vergleich investiert Deutschland, sowie auch die niedersächsische Landesregierung unterdurchschnittlich in Bildung. Dies gilt für Vorschulerziehung, sowie auch Hochschulausbildung. Nach dem Bildungsruin kommt unweigerlich der wirtschaftliche Ruin. Die hohe Korrelation von Bildungsniveau und Wohlstand ist längst durch internationale Studien (z.B. von OECD) belegt.

Eine Demokratie lebt von Information und Partizipation, beides wurde von Stratmann ignoriert. Die betroffenen Studierenden und Dozent/-innen wurden nicht informiert und miteinbezogen, stattdessen wurden mit den Hochschulleitungen geheime Beichtstuhlgespräche geführt. Durch dieses unverantwortliche Vorgehen wurde es in Kauf genommen die Betroffenen zu verunsichern und Ängste zu schüren. Geht es um die Einsparung von 1100 Stellen niedersachsenweit oder um das Schicksal von Menschen, die durch eine kurzsichtige Politik in ihrer Lebensgrundlage bedroht sind?

Die angestrebte Ökonomisierung der Hochschullandschaft wird dazu führen, dass die wissenschaftliche Ausbildung primär am Bedarf der Betriebe ausgerichtet wird und die Fachbereiche ihre Existenzberechtigung verlieren, wenn dorthin nicht genug Drittmittel fließen. Die Wissenschaft wird in einem solchen Fall nicht mehr der Gesellschaft verpflichtet sein, sondern der direkten wirtschaftlichen Nutzbarkeit. Die kritischen Geisteswissenschaften werden bei einer solchen Logik auf der Strecke bleiben, aber nicht ohne den Widerstand der Studierenden und Lehrenden. Der gesellschaftliche Wert eines Menschen, der auch in der Lage ist außerhalb ökonomischer Bahnen zu denken, ist unermesslich.

Was optimiert das Hochschuloptimierungskonzept eigentlich?

An der Universität Hannover kann sowohl Lehramt für Grund-, Haupt- und Realschule (LGHR) als auch Lehramt für Gymnasien, für Sonderschulen und für berufsbildende Schulen studiert werden. Diese Studiengänge sind unter anderem über die erziehungswissenschaftlichen Fächer miteinander vernetzt und bilden den Hintergrund einer integrativen Lehrerausbildung für ein möglichst hochwertiges Studium. Insofern ist das LGHR eine zentrale Säule für die gesamte Lehrerausbildung am Standort Hannover.

Insbesondere das Studium der Sonderpädagogik, als Lehramtsstudiengang wie auch als Diplomstudiengang, ist durch die Unterrichtsfächer und durch die Grundwissenschaften fest mit den Lehrämtern für GHR verzahnt. Speziell in Hannover ergänzt die Sonderpädagogik wichtige diagnostische und sonderpädagogische Fähigkeiten, welche für die Ausbildung kompetenter GHR-Lehrer erforderlich sind.

Ein auseinander reißen dieser Strukturen, welches mit unzureichendem Profil der Lehrerausbildung in Hannover begründet wird, bedeutete folglich eine Verschlechterung der Lehrerausbildung in Niedersachsen, da sinnvolle Strukturen der Kooperation aufgelöst würden. Auch die Diplomstudiengänge bzw. die gesamte Sonderpädagogik in Hannover wären damit stark gefährdet. Dieses Profil-Argument, welches mit Blick auf die Uni Hannover als wichtigstes für die Verlagerung des GHR-Studiengangs aufgeführt wird, ist bei Licht betrachtet nicht zutreffend.

Das Konzept der Uni Hannover zur Verbesserung der Lehrerbildung sieht unter anderem eine Fach-zu-Fach Integration von Fachdidaktiken und Fachwissenschaften sowie die Einrichtung eines Zentrums für Lehrerbildung vor. Beide Maßnahmen würden die Lehrerbildung effizienter gestalten und die Qualität des Studiums steigern, weswegen die wissenschaftliche Kommission das Konzept gutgeheißen hat. Die AG Lehrerbildung der Kommission hat des weitern von der Fusion, die Minister Stratmann anstrebt, abgeraten, da diese auf Grund der Tatsache, dass die anderen Lehrämter Fächer wie z. B. die Psychologie weiterhin benötigten, keine sinnvolle Option darstelle. Ferner stammen die 20-22 Stellen, die nach Hildesheim verlagert werden könnten aus eben jenen Fächern, welche in der Uni Hildesheim bereits gut ausgestattet sind. Die Dozenten der Naturwissenschaften könnten angesichts der oben angesprochenen Verzahnung der verschieden Studiengänge nicht nach Hildesheim verlagert werden – obwohl gegenteilige Äußerungen von der CDU-Landtagsfraktion gemacht wurden.

Die einzige Konsequenz für die Uni Hildesheim wäre schließlich eine stärkere Belastung dieses Standortes und damit eine Verschlechterung des dortigen Studiums.

Eine vollständige Integration der ehemaligen pädagogischen Hochschule in die Universität Hannover sollte Ziel der „Hochschuloptimierung“ sein und nicht die ineffiziente Anbindung eines Teilbereiches der Lehrerbildung - gerade auch angesichts der anstehenden Umstellung der Studiengänge auf die Abschlüsse Bachelor und Master. Die angestrebte Polyvalenz des Bachelor-Abschlusses als berufsqualifizierender Abschluss setzt eine breite Struktur der beteiligten Fachwissenschaften voraus, wie sie an der Universität Hildesheim nicht gegeben ist. Dies folgt im Übrigen aus der Analyse der selben wissenschaftlichen Kommission, auf die sich Minister Stratmann beruft, um die Verlagerung der Lehrerausbildung von Hannover nach Hildesheim zu rechtfertigen.

LehramtsstudentenInnen in Hannover – ein Plus an Attraktivität

Neben allen Ansätzen, die sich auf das Verhältnis zwischen Student/-in und Fachbereich und auf die Qualität des Studiums in der Bismarckstraße beziehen, sollte der/die Student/-in als Teilhaber am öffentlichen Leben und der Wirtschaft nicht außer Acht gelassen werden. Dies gilt sowohl in Hinsicht auf die Kaufkraft, als auch mit Blick auf die Möglichkeit der Studierenden allgemein, aber im speziellen der Lehramtsstudenten/-innen, eben dieses öffentliche Leben mitzugestalten.

Ersteres spiegelt sich ohne jeden Zweifel in der städtischen Wirtschaft, besonders dem Einzelhandel nieder. Der Verlust des LGHR-Studiengangs bedeutet einen eindeutigen Verlust an diesen Einnahmen in vielen Bereichen. Hier sind beispielsweise die Buchhandlungen zu nennen. Das bestätigten uns auch Mitarbeiter von Schmoorl & von Seefeld . Die Ausgaben der Studenten/-innen erstrecken sich jedoch auf sehr viel weitläufigere Bereiche, wie die Miete, Ausgaben für den täglichen Bedarf und ihre Freizeitaktivitäten. Betroffen sind also auch Vermieter, Lebensmittelketten und Gastronomie. Bei 1377 LGHR-Studenten/-innen und vom Arbeitsamt geschätzten monatlichen Ausgaben von durchschnittlich 650,- € bis 690,- € in Westdeutschland, macht das immerhin rund 923.000,- € im Monat. Dazu ist anzumerken, dass viele der Studenten/-innen durch ihre Eltern gefördert werden. Diese leben in den meisten Fällen nicht in Hannover, oft sogar in einem anderen Bundesland.

Des Weiteren ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt in kleineren Städten nicht auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Studenten ausgelegt. Zudem kommen infrastrukturelle Probleme, wie z.B. die Anbindung an die jeweilige Fakultät, die im Fall von Hannover gegeben ist - im Gegensatz zu deutlich kleineren Standorten, wo die Verbindung durch den ÖPNV schwer zu bewältigen ist.

Die Bedeutung der Studenten für die Mitgestaltung des öffentlichen Lebens hat ebenfalls vielfältige Ausprägungen:

Allein die von den Studenten zu absolvierenden Pflichtpraktika bereichern die städtischen Schulen. Die hier entstandene Kommunikation würde bei Verlust des LGHR-Studiengangs einfach zunichte gemacht. Schulen hätten nur noch bedingt Kontakt zur Fakultät für Erziehungswissenschaft und zu aktuellen Themen. Daraus resultierende Qualitätsverluste an Schulen wären eine durchaus zu erwartende Folge. Das ist nicht weniger brisant, wenn eben dieser Kontakt bis dato bestand.

Schließlich bleibt die Frage offen, in welche Gebäude die Studenten/-innen aus Hannover verlegt werden sollen – es gibt nicht genügend – und durch welche Finanzmittel neue Räume entstehen sollen?

Ohne Lernende sind natürlich auch Lehrende hinfällig. Deren Bedeutung und Funktion im öffentlichen Leben, sei es kultureller Natur, durch etwaige Veranstaltungen die sie durchführen, oder gar in schulpolitischer Hinsicht, würde entfallen.

Alles in Allem verstehen wir nicht, wie man eine Stadt, die rund ein viertel der niedersächsischen Studenten beherbergt, derart deformieren kann und somit zur “Profillosigkeit” verhilft, die für die Reputation der Landeshauptstadt Hannover mit Sicherheit nicht vorteilhaft ist.

Eine Landeshauptstadt ohne Lehrerbildung – (k)eine Zukunft für Hannover…

Deshalb fordern wir:

- Eine von Wirtschaftsinteressen unabhängige wissenschaftliche Ausbildung.

- ein gebührenfreies Studium.

- eine stärkere Einbindung der Lehramtsstudiengänge GHR, sowie der anderen erziehungswissenschaftlichen Studiengänge an das Zentrum der Universität Hannover.


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